System der Kriminalwissenschaften

1. Juristische Kriminalwissenschaften

1.1 Strafrechtswissenschaft

1.2 Strafprozessrechtswissenschaft


2. Nichtjuristische Kriminalwissenschaften

2.1 Kriminalistik

2.1.1 Allgemeine Theorie und Methodologie (ATM)

Gesamtheit der von der Kriminalistik selbst  entwickelten oder von anderen Wissenschaften übernommenen allgemeinen Theorien und Methoden, wie
  • Erkenntnistheorie
  • Widerspiegelungstheorie (objektive und subjektive Widerspiegelung)
  • Identifizierungstheorie
  • Expertisentheorie
  • Verdachtslehre
  • Beweislehre
  • Versionsbildung
  • Latenzforschung

2.1.2 Kriminaltaktik

Kriminaltaktik ist die Gesamtheit der Erkenntnisse und Methoden zur Vorbeugung und Durchführung kriminalistischer Ermittlungs- und Untersuchungshandlungen, die deren zweckdienliche und effektive, den rechtlichen Normen entsprechende und den individuellen Umständen des Sachverhalts entsprechende Realisierung ermöglicht.
  
Kriminaltaktik gilt als die Lehre vom zweckmäßigen und rechtmäßigen Vorgehen bei der Aufdeckung, Aufklärung und Verhütung von Straftaten.

Als "zweckmäßig" gilt das Vorgehen bei Einsatz geeigneter und effektiver Ermittlungshandlungen einschl. strafprozessualer Maßnahmen, (z.B. Erster Angriff, Durchsuchung, Festnahme, Beschlagnahme, Vernehmung, Fahndung) sowie deren zweckgerichtete Rang- und Reihenfolge.

Das "rechtmäßige" Vorgehen bezieht sich hauptsächlich auf die  Wahrung der Grundrechte. Jedes Einschreiten bedarf einer Eingriffsermächtigung (StPO).  Beweiserhebungs- und - verwertungsverbote (z.B. TKÜ) sind zu beachten etc.
Methoden:   Analyse und Synthese, Beobachtung, Besichtigung, Befragung, Vernehmung, Vergleich, Hypothese, Experiment, Rekonstruktion, mathematische und logische Methoden 

2.1.3 Kriminaltechnik

Kriminaltechnik ist die Gesamtheit der naturwissenschaftlichen und technischen Mittel und Methoden zur Suche, Sicherung, und Untersuchung von Spuren und Sachbeweisen. 
Ziel:
  • Gewinnung / Erschließung von naturwissenschaftlich- technischen Informationen, die für das Strafverfahren von Bedeutung sind,
  • Begutachtung bzw. Beantwortung von Fragestellungen mit an Sicherheit grenzender  oder mit hinreichend hoher Wahrscheinlichkeit
Aufgaben:
  • Identifizierung von Personen, Spurenverursachern, Sachen und Substanzen
  • Rekonstruktion von Tatabläufen
  • Experimente zur Möglichkeit/Unmöglichkeit eines bestimmten Geschehens
  • Dokumentation von komplexen Tatorten
  • operative Auswertung / Sachverständigengutachten zu Spuren
  • technische Prävention
Teilgebiete der Kriminaltechnik sind:
  • Daktyloskopie (Fingerabdruck-, Handflächenabdruck und Fußsohlenabdruckspuren)
  • Signalementslehre (Personenidentifizierung, Erkennungsdienst)
  • Trassologie (Werkzeug- und Formspuren)
  • forensische Biologie (Serologie/Zytologie bzw. DNA; Haare, Textilfasern)
  • krim. Fotografie
  • Ballistik (Identifizierung von Waffen und Munition, Schusswirkung und Identifizierung des Schützen)
  • Handschriftenuntersuchung
  • Dokumentenuntersuchung
  • forensische Chemie (anorganische Chemie, organische Chemie, Toxikologie)
  • krim. Akustik (Sprecheridentifizierung und -diagnostik, Tonaufzeichnungen)
  • Präventionstechnik

2.1.4 Spezielle Kriminalistik

Die spezielle Kriminalistik bildet ein zusammengefasstes Methodensystem  zur Bearbeitung

(1) einzelner Deliktsgruppen:
  • Tötungsdelikte
  • Raubstraftaten
  • Sexualdelikte
  • organisierte Kriminalität (OK) (BtmK, „Rotlicht“-Kriminalität, Wirtschaftskriminalität)
  • Terrorismusbekämpfung
  • Brand- und Umweltdelikte
 (2) oder bestimmter Tätergruppen
  • Jugendkriminalität
  • Bandenkriminalität
  • Extremismus



2.2 Die Kriminologie

"Kriminologie" = Lehre vom Verbrechen (lat. crimen)

Kriminologie ist die geordnete Gesamtheit des Erfahrungswissens über
das Verbrechen, den Rechtsbrecher, die negative soziale Auffälligkeit
und die Kontrolle des Verhaltens."
(Prof. Dr. Dieter Rössner, Uni Marburg)

Lesen Sie mehr von Rössner, Angewandte KriminologieTeil 1 Theoretische Grundlagen

2.2.1 Teilgebiete der Kriminologie

Victimologie
Viktimologie bezeichnet die Lehre vom Opfer und der Opferwerdung. Unter Viktimisierung versteht man die direkte und indirekte physische und psychische Schädigung, die ein Opfer durch eine (Straf-)tat erleidet. Nicht nur der (Straf-)Täter selbst (primäre V.), sondern auch Reaktionen des Umfeldes (sekundäre V.) können dabei das Opfer schädigen, also Viktimisieren.
Poenologie
Pö|no|lo|gie die; - <zu → ...logie>: Erforschung der seelischen Wirkung der Strafe, bes. der Freiheitsstrafe (Psychol.)
Ätiologie
grch. aitía "Ursache"; Die Lehre von den Krankheitsursachen; ätiologisch: ursächlich, begründend.
Ätiologie ist im Sinne der ätiologischen Kriminologie zu verstehen als ein Ansatz, der abweichendes, kriminelles Verhalten als Folge bestimmter persönlicher Merkmale definiert. Kriminell als deskreptiv beschreibende Eigenschaft.
Im Gegensatz zur kritischen Kriminologie (mit dem Ansatz des Labeling approach) untersucht die ätiologische Kriminologie die Ursachen von KRIMINALITÄT, während die kritische Kriminologie die KRIMINALISIERUNG erforscht.
Phänomenologie
  • Lehre vom "geborenen Verbrecher"
  • Entwicklungstheorie
  • Sozialisationstheorien
  • Lerntheorien
  • Frustrations-Aggressions- Theorie
  • Anomie-Theorie
  • Etikettierungsansatz

weiterführende Informationen:


Wikipedia

 KRIMLEX


2.3 Forensische Wissenschaften


Das Adjektiv "forensisch" stammt von dem lateinischen Wort forum für Marktplatz ab, da im antiken Rom die Rechtsprechung auf dem Marktplatz stattfand.

2.3.1 Forensische Medizin

Lehre von der Anwendung medizinischer Kenntnisse  und Methoden zur Klärung rechtserheblicher Sachverhalte

  • Teilgebiet der Medizin
  • Begutachtung von Verletzungen bei Geschädigten und Beschuldigten, Hinweise zum Tatablauf,
  • Feststellung der Todesursache,
  • Identifizierung unbekannter Toter,
  • Altersbestimmung an Lebenden und Toten,
  • Identifizierung v. Tatwerkzeugen,
  • BAK- und toxikologische Gutachten

2.3.2 Forensische Psychiatrie

Lehre von der psychisch bedingten strafrechtlichen Schuld- und Zurechnungsfähigkeit

Teilgebiet der angewandten Psychiatrie

biologische und psychische Faktoren, die die Einsichts- und Steuerungsfähigkeit beeinflussen

Erstellung forensisch-psychiatrischer Gutachten

2.3.3 Forensische Psychologie

Lehre von den Formen und Gesetzmäßigkeiten menschlichen Verhaltens und der Motivsuche im Zusammenhang mit Straftaten

psychischen Vorgänge im Täter bei der Tatentscheidung und - ausführung

Interaktion zwischen Straftäter und Strafverfolger (insbes. Kommunikationsprozesse wie z.B. Vernehmungen)

Ermittlung von Persönlichkeitsmerkmalen anhand der Begehungsweise, des allgemeinen Verhaltens, der Sprache und der Schrift (z.B. für Tatrekonstruktion, Tatortanalyse, Versionsbildung, Profiling), besondere psychische Situation der von der Strafverfolgung betroffenen Personen (Täter, Opfer, Angehöriger, Zeuge) und der daraus resultierenden Mitwirkungsbereitschaft

2.3.4 Forensische Biologie (siehe auch Entomologie)

http://www.medizinstudent.de/uploads/tx_dcmedstudscripts/7262_entomologie.pdf

http://www.benecke.com/asservierung.html

http://parasit.meb.uni-bonn.de/~maezo/tagungen/tagung05/vortrag_amendt.html

2.3.5 Forensische Chemie

Chemie und Verbrechen

2.3.6 Forensische Physik/Ballistik

2.3.6 weitere Forensische Disziplinen

Forensische Nuklearwissenschaft

Im Jahr 1994 wurde auf dem Flughafen München in einem Gepäckstück ein gefährlicher Cocktail aus Plutonium- und Uraniumoxyden gefunden. Wissenschaftler der Europäischen Union analysierten das Pulver unter dem Elektronenmikroskop und stellten fest, dass es sich um eine Mischung aus drei verschiedenen Komponenten handelte. Diese wurden weiter analysiert, um herauszufinden, wie sie hergestellt worden waren. Dank der neuen, von der GFS entwickelten forensischen Techniken waren die Ermittler in der Lage, den Hersteller der Ausgangsmaterialien exakt zu bestimmen.

Literatur zur Kriminologie (in alphabetischer Reihenfolge):





Blankenburg, Erhard; Steffen, Wiebke: Der Einfluss sozialer Merkmale von Tätern und Opfern auf das Strafverfahren.
In: Blankenburg, E. (Hrsg.):Empirische Rechtssoziologie. München 1975, 248-268.

Dölling, Dieter: Polizei und Legalitätsprinzip – Empirische Befunde zur polizeilichen Ermittlungstätigkeit bei Anzeigedelikten, in: Geisler, Claudius
(Hrsg.): Das Ermittlungsverhalten der Polizei und die Einstellungspraxis der Staatsanwaltschaften - Bestandsaufnahme, Erfahrungen und Perspektiven. Wiesbaden 1999, 39-60.

Heinz, Wolfgang: Anzeigeverhalten. In: Kaiser, G.; Kerner, H.-J.; Sack, Fritz;
Schellhoss, H. (Hrsg.): Kleines Kriminologisches Wörterbuch, 3. Aufl.,
Heidelberg 1993, 27-33.

Heinz, Wolfgang: Die Abschlussentscheidung des Staatsanwalts aus rechtstatsächlicher Sicht.
In: Geisler, C. (Hrsg.): Das Ermittlungsverhalten der Polizei und die Einstellungspraxis der Staatsanwaltschaften. Wiesbaden 1999, 125-206.

Heinz, Wolfgang: Die Strafverfahrenswirklichkeit im Spiegel der Justizgeschäftsstatistiken.
In: Gedächtnisschrift für Ellen Schlüchter, Köln u.a 2002, 691-726.

Heinz, Wolfgang; Spieß, Gerhard: Viktimisierung, Anzeigeerstattung und Einschätzung der Arbeit der Polizei durch die Bürger - Analysen anhand der Bevölkerungsbefragung in den Projektstädten, in: Feltes, Th. (Hrsg.):
Kommunale Kriminalprävention in Baden-Württemberg. Erste Ergebnisse der wissenschaftlichen Begleitung von drei Pilotprojekten, Holzkirchen/Obb. 1995, 93-122.

Kaiser, Günther: Kriminologie - Ein Lehrbuch, 3. Aufl., Heidelberg 1996, 355-380.

Kerner, Hans-Jürgen: Empirische Polizeiforschung in Deutschland. In: Kühne, H.-H.; Miyazawa, K. (Hrsg.): Neue Strafrechtsentwicklungen im deutschjapanischen Vergleich. Köln u.a. 1995, 221-253.

Kerner, Hans-Jürgen: Strafverfolgungspflicht als Last: Zum Erledigungsverhalten der deutschen Staatsanwaltschaft. In: Kühne, H.-H. (Hrsg.): Festschrift für Koichi Miyazawa: Dem Wegbereiter des japanisch-deutschen Strafrechtsdiskurses. Baden-Baden 1995, 571-593.

Kilchling, Michael: Empirische Erkenntnisse aus Kriminologie und Viktimologie zur Lage von Opfern. DVJJ-Journal 2002, 14-23.

Kürzinger, Josef: Kriminologie. Eine Einführung in die Lehre vom Verbrechen. Stuttgart u.a., 2. Aufl., 1996, 123-157.

Lehne, Werner: Polizeiforschung. In: Kaiser, G.; Kerner, H.-J.; Sack, F.; Schellhoss, H. (Hrsg.): Kleines Kriminologisches Wörterbuch. 3. Aufl., Heidelberg 1993, 392-401.

Meier, Bernd-Dieter: Kriminologie. 2. Aufl., München 2005, 197-224.

Ohlemacher, Thomas: Empirische Polizeiforschung in der Bundesrepublik Deutschland - Versuch einer Bestandsaufnahme - KFN-Forschungsberichte Nr. 75. Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen e.V., Hannover
1999.

Popitz, Heinrich: Über die Präventivwirkung des Nichtwissens. Dunkelziffer, Norm und Strafe. Tübingen 1968.

Reichertz, Jo: Empirisch-wissenssoziologische Polizeiforschung in Deutschland. Polizei & Wissenschaft 2000, 4-12.

Sack, Fritz: Selektion und Selektionsmechanismen. In: Kaiser, G.; Kerner, H.- J.; Sack, F.; Schellhoss, H. (Hrsg.): Kleines Kriminologisches Wörterbuch. 3. Aufl., Heidelberg 1993, 462-469.

Schneider, Hans; Stock, Jürgen: Kriminalität und staatliche Reaktionen I: Theorien, Strafverfahren und Instrumente. Lehr- und Studienbriefe Kriminologie, Nr. 7. Hilden 1995.

Schneider, Hans; Stock, Jürgen: Kriminalität und staatliche Reaktionen II: Rechtsfolgen und Strafvollzug. Lehr- und Studienbriefe Kriminologie, Nr. 8.  Hilden 1995.

Schneider, Hans-Joachim: Polizei-Wissenschaft. Kriminalistik 2000, 218-224; Polizei-Theorie. Kriminalistik 2000, 290-298; Polizei-Forschung. Kriminalistik 2000, 362-370;

Schumann, Karl F.: Justizforschung. In: Kaiser, G.; Kerner, H.-J.; Sack, F.; Schellhoss, H. (Hrsg.): Kleines Kriminologisches Wörterbuch. 3. Aufl., Heidelberg 1993, 204-210.

Schwind, Hans-Dieter: Kriminologie. Eine praxisorientierte Einführung mit Beispielen. 16. Aufl., Heidelberg 2006